Justiça climática em vez de roubo de terras!
„Es gibt keinen Klimaschutz ohne Menschen- und Umweltrechte“ – diese Botschaft kommt aus dem Bundesstaat Maranhão im Nordosten Brasiliens, übermittelt von Raimunda Francisca Vieira Paz und Ronaldo Barros Sodré. Sie nahmen an der in Präsenz stattfindenden Gesprächsrunde des Lateinamerika-Forums (LAF) „Klimagerechtigkeit statt Landraub!“ teil, welche die Auswirkungen der Sojaproduktion auf die lokale Bevölkerung und die Umwelt thematisierte. Francisca und Ronaldo stammen aus dem Cerrado, dem zweitgrößten Biom Brasiliens, in dem sich fast 50 % der nationalen Sojaproduktion konzentrieren.
Francisca leitet das Zentrum für den Schutz des Lebens und der Menschenrechte von Balsas (CDVDH) und ist Präsidentin der Kleinbauer:innenvereinigung (ACA). Zudem setzt sie sich als Aktivistin im Kampf für die Rechte traditioneller Bevölkerungsgruppen und Gemeinschaften, für den Erhalt des Cerrado sowie für soziale und ökologische Gerechtigkeit ein. Ronaldo ist promovierter Geograph, Universitätsprofessor und Koordinator des Graduiertenprogramms für Geografie (PPGGEO) an der Bundesuniversität von Maranhão (UFMA). Er forscht zur Agrarfrage in Brasilien, insbesondere zu Landkonflikten, und hat mehrere Artikel über Themen zum Agrarbusiness, Konflikte und Gewalt veröffentlicht.
Beide reisten durch mehrere deutsche Städte, begleitet von Johannes Holz (Verein Partner für Events, Projekte und Programme nachhaltiger Entwicklung, PEPP e. V.), der die Reise organisierte. Während der Amazonas in Europa bereits Beachtung findet, sind andere bedrohte brasilianische Ökosysteme wie der Cerrado weitgehend unbekannt. Francisca und Ronaldo machten auf dessen Bedrohung aufmerksam. Sie nahmen an verschiedenen Veranstaltungen unterschiedlicher Organisationen teil und kritisierten die aktuelle Form der wirtschaftlichen Entwicklung in ihrer Region.
Ihr Argument: Wirtschaftliche Entwicklung darf nicht auf Kosten des Überlebens und des Wohlergehens der lokalen Bevölkerung, der Menschenrechte und der Umwelt erfolgen. Doch geschieht derzeit nicht genau das?
Brasilien ist der größte Sojaexporteur nach Europa. Der Sojaanbau führt jedoch zu Abholzung, Vertreibung der lokalen Bevölkerung – darunter Indigene Völker, Quilombolas*, traditionelle Gemeinschaften und Kleinbauer:innen –, zur Konzentration von Land in den Händen von Großgrundbesitzer:innen und Agrarkonzernen, zu Gewalt, zur Belastung durch den intensiven Einsatz von Pestiziden, zum Verlust der Biodiversität, zur Wasserknappheit und zu Konflikten mit der Lebensweise und Kultur der traditionellen Bevölkerung.
Ronaldo zufolge ist eines der zentralen Probleme der Region – und überhaupt des ganzen Landes – die Konzentration von Landbesitz in wenigen Händen. Dieses Phänomen hat historische Wurzeln in der Kolonialzeit Brasiliens und besteht bis heute fort als eines der Hauptmerkmale sozialer Ungleichheit.
Der Agrarzensus von 2017 ergab, dass rund 1 % der landwirtschaftlichen Betriebe in Brasilien etwa 47,5 % der für landwirtschaftliche Produktion genutzten Flächen kontrollieren. Da der Agrarzensus im Abstand von zehn Jahren durchgeführt wird, werden aktuellere Daten erst 2027 erhoben. Die bisherigen Entwicklungen deuten jedoch nicht auf eine Umkehr dieses Trends hin. Mehr als 70 % der landwirtschaftlichen Nutzflächen im Land werden für den Anbau von Agrarrohstoffen wie Soja und anderer Produkten genutzt. Die Konzentration des Landbesitzes führt zur Vertreibung von Kleinbauer:innen, Indigenen und Quilombolas, die Umwandlung von Subsistenzanbau in Monokulturen, Umweltzerstörung und Landkonflikte, die von Gewalt und Menschenrechtsverletzungen geprägt sind. Die Agrarreform, die zu einer Demokratisierung des Landbesitzes führen sollte, hat sich bislang auf die Grenzfestlegung von Territorien beschränkt und bleibt ein zentrales Anliegen der Landbevölkerung.
Francisca brachte Fotos und Berichte aus den Gemeinden des Cerrado mit, um die Probleme und Verfolgungen zu veranschaulichen, denen sie ausgesetzt sind. Gewalt ist Teil ihres Alltags. Zwischen 2023 und 2024 stieg die Zahl der Gewalttaten auf dem Land in Maranhão von 210 auf 420 – ein Anstieg um 100 %, der dem Bundesstaat den traurigen Spitzenplatz in der Statistik der Landpastoral (CPT) einbrachte. Zwischen 2020 und 2025 wurden laut dem Verband der Landarbeiter:innen des Bundesstaates Maranhão (FETAEMA) 19 Quilombola-Führungspersonen ermordet.
Der intensive Einsatz von Pestiziden in den Monokulturen gefährdet die Gemeinden. Durch Flugzeuge versprüht, verseuchen sie die Umgebung, zerstören den Boden und verursachen gesundheitliche Probleme. Nach Angaben des brasilianischen öffentlichen Gesundheitssystems (DataSUS) führten zwischen 2008 und 2017 Pestizide und Agrochemikalien direkt zu 7267 Todesfällen. Brasilien erlaubt den Einsatz vieler in der Europäischen Union verbotenen Pestizide. Und als bittere Ironie genehmigte die Regierung – während der COP30 – 30 neue Pestizide, darunter solche mit in der EU verbotenen Substanzen.
Dies ist ein weiteres Beispiel für die Widersprüche der aktuellen brasilianischen Regierung unter Präsident Luiz Inácio Lula da Silva in seiner dritten Amtszeit, der bemüht ist, Brasilien als Führungsnation beim Umwelt- und Klimaschutz zu präsentieren. Die Regierung verfügt über charismatische Persönlichkeiten wie Umweltministerin Marina Silva und schuf das Ministerium für Indigene Völker, das von der indigenen Politikerin Sônia Guajajara geleitet wird.
Doch die regierende Koalition, die auch konservative Parteien umfasst, schafft ein Kräfteverhältnis, das Fortschritte in Bereichen erschwert, die einen politischen Paradigmenwechsel erfordern. Hinzu kommt die Zusammensetzung des brasilianischen Nationalkongresses, der von Abgeordneten dominiert wird, die mit der Agrarbusiness verbunden sind: In der Abgeordnetenkammer stellen sie 63 % der 513 Mitglieder, im Senat 62 % der 81 Mitglieder. Ob sich dieses Panorama bei den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen 2026 ändern wird, ist ungewiss – viele befürchten, dass dies nicht der Fall sein wird.
Ein weiterer Faktor, der zu den widersprüchlichen Maßnahmen der Regierung zählt, ist ihr Entwicklungsverständnis, das wirtschaftliches Wachstum – auch zum Preis von Umweltzerstörung und sozialen Kosten – als notwendig betrachtet, um die Klimatransformation zu finanzieren. Entscheidungen wie die Förderung von Öl in der Amazonasmündung sowie anderen Gebieten des Amazonasbecken bzw. der Amazonasregion und die Privatisierung von Wasserstraßen der Flüsse Tapajós und Tocantins (im Bundesstaat Pará) sowie Madeira (in den Bundesstaaten Amazonas und Rondônia), die massiven ökologischen und sozialen Folgen haben werden, riefen während der COP30 starken Widerstand und Protest seitens indigener Gemeinschaften und Umweltorganisationen hervor.
Francisca und Ronaldo schlugen eine Brücke zwischen dem Cerrado in Maranhão und Europa, indem sie auf die 2023 von der Europäischen Union verabschiedete Verordnung (EU 2023/1115) verwiesen, die darauf abzielt, die Entwaldung durch Produkte wie Soja einzudämmen. Sie fordern, dass die Regelung im Falle Brasiliens nicht nur für den Amazonas gilt, sondern auch andere Biome wie den Cerrado umfasst, wo – wie erwähnt – der Großteil des Sojaanbaus stattfindet. Gemäß der Verordnung müssen Unternehmen ab dem 30. Dezember 2025 nachweisen, dass ihre Produkte nach dem 31. Dezember 2020 keine Entwaldung verursacht haben und im Einklang mit den lokalen Gesetzen produziert wurden. Bei Verstößen drohen Geldstrafen, Importverbote und Beschlagnahmung der Waren.
In Bezug auf Deutschland kritisierten sie das Projekt „Nachhaltige Soja“ vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), das durch die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in ihrer Region umgesetzt wird. Das Projekt unterstützt die Zertifizierung von Soja. Ihrer Ansicht nach gibt es jedoch keine „nachhaltige Soja“, wie die ökologischen Schäden und Menschenrechtsverletzungen zeigen, die die Produktion dieser Commodities im Cerrado von Maranhão verursacht hat.
Abschließend betonten Francisca und Ronaldo, dass ihre Reise nach Deutschland eine entscheidende Rolle dabei spielte, die internationalen Allianzen zur Verteidigung der Umwelt und der Rechte der betroffenen Bevölkerungen in ihrer Region zu erweitern.
Ein Veranstaltungsrückblick von Didice Godinho Delgado
Didice Godinho Delgado ist Brasilianerin und aktives Mitglied des LAF Berlin. Sie moderierte den Austausch mit den brasilianischen Aktivist:innen.
*„Quilombo“ bezeichnet Gemeinschaften, die von versklavten Menschen gegründet wurden, die dem Sklavensystem entkommen waren, das in Brasilien über 300 Jahre lang bis 1888 bestand. Viele dieser Quilombola-Gemeinschaften existieren bis heute, ihre Nachkommen kämpfen um das in der brasilianischen Verfassung von 1988 verankerte Recht auf ihr Land. Laut der Volkszählung von 2022 leben in Maranhão 20,24 % der Quilombola-Bevölkerung des gesamten Landes.
https://cpisp.org.br/direitosquilombolas/observatorio-terras-quilombolas/quilombolas-brasil/
Beitragsbild: Diogo Cabral, Rodung für Sojaplantagen
