Kolumbien 2026

Kolumbien steht vor richtungsweisenden Wahlen in einem Klima aus Polarisierung, blockierten Reformen und wachsendem geopolitischem Druck. Am 08 März finden parteiübergreifende Vorwahlen statt, deren Kandidat:innen im Mai in die erste Runde der Präsidentschaftswahl gehen. Der Überblick beleuchtet zentrale Akteur:innen, Allianzen und Konfliktlinien – und ordnet ein, was auf dem Spiel steht.

von | 18.02.2026 | Kolumbien, Politik

Wahlen im Zeichen von Polarisierung, Reformstau und geopolitischem Druck


1. Wahltermine und Verfahren

Kolumbien steht nur wenige Monate vor der Erneuerung seiner Legislative und Exekutive. Am 8. März finden parallel zu den Kongresswahlen (Senat und Repräsentant:innenhaus) die parteiübergreifenden Vorwahlen statt. Diese dienen der Bestimmung jener Kandidat:innen, die am 31. Mai in der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen und – falls erforderlich – am 21. Juni in der Stichwahl antreten werden. Bislang haben sich zwei große Vorwahlbündnisse konsolidiert: die rechte „Gran Consulta por Colombia“ sowie die linke „Frente por la Vida“. Die formelle Bestätigung einer Koalition der politischen Mitte steht noch aus.

2. Ein historischer Einschnitt
Die Wahlen finden in einem besonderen nationalen Kontext statt: Erstmals seit über 200 Jahren rechtsgerichteter Regierungen werden sie unter einer linken bzw. progressiven Regierung abgehalten. Dies verleiht dem Wahlprozess eine besondere politische Dynamik.

3. Blockierte Reformagenda
Die bisherige dreijährige Amtszeit der Regierung war von anhaltenden Konflikten mit der Opposition geprägt. Im Kongress wurden zentrale Reformprojekte blockiert, was die Umsetzung der angekündigten politischen Vorhaben erheblich erschwert hat.

4. Bedeutung der Kongresszusammensetzung
Ein zentrales Thema ist daher die Zusammensetzung des Kongresses. Die amtierende Regierung konnte mehrere Reformen nicht realisieren, da diese im Parlament keine Mehrheit fanden. Vor diesem Hintergrund betont insbesondere das linke Lager die Notwendigkeit einer starken Stimmabgabe für die Listen des „Pacto Histórico“, um in der kommenden Legislaturperiode eine handlungsfähige Fraktion zu bilden. Auch die Rechte misst den Kongresswahlen große Bedeutung bei. Ex-Präsident Álvaro Uribe kandidiert erneut für den Senat, nachdem er zuvor sein Mandat niedergelegt hatte, um zu verhindern, dass der Oberste Gerichtshof als zuständige Instanz Ermittlungen gegen ihn führt.

5. Breite Regierungsbasis und Jugendmobilisierung
Die Regierung hat Teile der Mitte-Rechts, der Linken sowie soziale Bewegungen in ihre Arbeit einbezogen. Hervorzuheben ist zudem, dass sie offenbar ein gesteigertes politisches Interesse insbesondere unter jungen Menschen ausgelöst hat.

6. Umverteilungspolitik und wirtschaftliche Debatte
Die Regierungsagenda zielte auf eine Umverteilung von Einkommen und Vermögen ab, unter anderem durch Arbeits-, Gesundheits-, Steuer- und Rentenreformen sowie durch die Rückgabe von Land in einem von tiefen Ungleichheiten geprägten Land. Diese Politik stieß auf erheblichen Widerstand seitens großer Medien, Wirtschaftsverbände und traditioneller Machtparteien, die eine Destabilisierung der Wirtschaft befürchten. Die wirtschaftlichen Kennzahlen – Inflation, Arbeitslosigkeit, Wachstum, Börsenentwicklung sowie Gewinne von Banken und Handelsunternehmen – deuten jedoch bislang nicht auf eine solche Instabilität hin.

7. Polarisierung und gesellschaftliche Spannungen
Die Präsidentschaft wurde häufig als polarisierend kritisiert und beschuldigt, die öffentliche Meinung in extreme Lager zu spalten. Paradoxerweise fordern gerade jene Akteur:innen, die gegensätzliche Interessen vertreten, verstärkt Konsens und Toleranz. Das während der Amtszeit entstandene Spannungsfeld prägt inzwischen maßgeblich den Wahlprozess.

8. Fragmentierter Kandidat:innenkreis
Ausgehend von rund 100 Präsidentschaftsanwärter:innen hat sich das Feld inzwischen auf etwa 31 Kandidat:innen reduziert, die sich zwischen extremer Rechter, politischer Mitte und Linker positionieren.

9. Politische Lager
Am rechten Rand steht das „Centro Democrático“, lange Zeit dominiert vom ehemaligen Präsidenten Álvaro Uribe Vélez. Die Partei befindet sich jedoch in einem spürbaren politischen Niedergang. Auf der linken Seite haben sich mehrere Parteien und Bewegungen – darunter die Kommunistische Partei und Colombia Humana – im „Pacto Histórico“ zusammengeschlossen, mit dem sich auch Präsident Gustavo Petro identifiziert.

10. Traditionelle Parteien
Auch die traditionellen rechten Parteien – Liberale und Konservative, die das Land über mehr als 150 Jahre regierten – sowie aus ihnen hervorgegangene, inzwischen geschwächte Gruppierungen haben eigene Kandidaturen aufgestellt oder sich bestehenden Bewerbungen angeschlossen. Alle treten mit Listen für beide Kammern des Kongresses an.

11. Die politische Mitte
Kleinere Parteien und Gruppierungen der sogenannten Mitte – darunter die Grüne Partei sowie Persönlichkeiten wie Claudia López und Sergio Fajardo – kämpfen ebenfalls um Sichtbarkeit. Sie setzen auf Entpolarisierung und werben für Abkommen zwischen den politischen Lagern.

12. Der 8. März als Schlüsseltermin
Am 8. März werden mittels dreier Stimmzettel sowohl die Vorwahlen als auch die Mitglieder des Repräsentantenhauses und des Senats gewählt, die gemeinsam den Kongress der Republik bilden.

13. Vorwahlbündnisse
Nach mehreren Namensdiskussionen wurde die Allianz der Linken und Mitte-Links unter dem Namen „Frente por la Vida“ registriert. Dort kandidieren unter anderem Iván Cepeda, Roy Barreras und Camilo Romero. An der rechten Vorwahl „Gran Consulta por Colombia“ beteiligen sich neun Kandidat:innen aus dem rechten, extrem rechten und mitte-rechten Spektrum, darunter Paloma Valencia, Vicky Dávila und Juan Daniel Oviedo. Eine mögliche Vorwahl der Mitte muss spätestens bis zum 6. Februar – dem Stichtag der Registrierung bei der Registraduría del Estado Civil – feststehen.

14. Umfragen und Regulierung
Umfragen zur Wahlabsicht haben aufgrund stark divergierender Ergebnisse für Verwirrung gesorgt. Unterschiede zwischen Instituten wie Invamer, Atlas Intel, CNC, oder GAD3 sind auf variierende Designs, Methodiken und statistische Verfahren zurückzuführen. Ein im Juli 2025 eingeführtes neues Umfragegesetz sollte Transparenz und Einheitlichkeit schaffen. Aufgrund unklarer Definitionen interpretieren die Institute die Regeln jedoch weiterhin unterschiedlich. Für die Wähler:innen bleibt es daher schwierig, die Zuverlässigkeit der Daten einzuschätzen. Dennoch gelten derzeit vier bis fünf Kandidat:innen als Favoriten.

15. Regionale und internationale Einflüsse
Auch internationale Faktoren spielen eine Rolle. Der Rechtsruck in Argentinien, Bolivien, Ecuador und Chile sowie der politische Stil und die Offensive von Präsident Trump könnten das kolumbianische Wahlklima beeinflussen und nach rechts verschieben. Die verstärkte Militärpräsenz der USA im Karibischen Meer und im Pazifik sowie militärische Operationen gegen Venezuela unterstreichen den geopolitischen Druck auf die Region, die von den USA weiterhin als eigene Einflusszone betrachtet wird.

16. Sicherheit und Wahlkampffinanzierung
Besorgniserregend sind schließlich Fragen der Sicherheit und der Wahlkampffinanzierung. Gewalt und schwer erreichbare Regionen stellen reale Risiken für Wahlkampf und Stimmabgabe dar. Im Bereich der Finanzierung bleibt das Instrument „Cuentas Claras“ begrenzt wirksam. Insbesondere die mangelnde Kontrolle von Barzahlungen auf lokaler Ebene durch den Nationalen Wahlrat erschwert Transparenz und öffnet unregulierten Finanzierungspraktiken Tür und Tor.

Das Lateinamerika Forum Berlin wird 2026 eine Veranstaltung zu den Wahlen in Kolumbien organisieren.

Eine Übersicht von Paula González (Praktikantin des LAF Berlin)

 

Quellen
BTG Pactual. (14 de noviembre de 2025). Política: Guía para las elecciones de Congreso y Presidenciales en Colombia 2026, https://www.btgpactual.com.co/blog/analisis/guia-para-las-elecciones-de-congreso-y-presidenciales-en-colombia-2026
Consejo Nacional Electoral. (5 de marzo de 2025). Resolución 2580 del 05-03-2025:
Calendario electoral presidente de la República 2026, https://cnegovco-my.sharepoint.com/…/resolucion-2580-calendario-2026.pdf
La Hora de La Verdad. (22 de diciembre de 2025). Tremendo análisis. Esto pasará en la carrera presidencial de Colombia: Rodrigo Pombo [Video], https://youtu.be/3cgi21s6MBk
La Silla Vacía. (21 de enero de 2026). Ponderador electoral 2026: la foto de las presidenciales arrancando el año [Video],https://youtu.be/y75QQeSjdaU
Misión de Observación Electoral [MOE]. (1 de abril de 2025). ABC Electoral – Elecciones 2026, https://moe.org.co/abc-electoral-elecciones-2026/
Noticias Caracol. (28 de enero de 2026). Elecciones presidenciales 2026: movimientos más recientes de la izquierda, la derecha y el centro [Video], https://youtu.be/aAve54JbqrA
Registraduría Nacional del Estado Civil. (6 de marzo de 2025). El Registrador Nacional presentó el calendario electoral para las elecciones al Congreso y presidencia de 2026, https://www.registraduria.gov.co/El-Registrador-Nacional-presento-el-calendario-electoral-para-las-elecciones-al.html
W Radio Colombia. (12 de enero de 2026). Ariel Ávila y Rafael Nieto analizan la carrera
por las elecciones de marzo de 2026 | La W [Video], https://youtu.be/D8T9LVTUAO4
Wikipedia. (s.f.). Elecciones presidenciales de Colombia de 2026. Recuperado el 2 de febrero de 2026 de
https://es.wikipedia.org/wiki/Elecciones_presidenciales_de_Colombia_de_2026