Mit großer Trauer nehmen wir Abschied von Hans-Otto Dill, langjährigem Mitglied des Lateinamerika-Forums Berlin und ehemaligem Vizepräsidenten unseres Vereins von 2000 bis 2005. Wie uns seine Frau Gerta Stecher mitteilte, verstarb Hans-Otto Dill am 27. April 2026.
Mit ihm verliert das Lateinamerika Forum nicht nur ein engagiertes Mitglied und einen klugen Gesprächspartner, sondern einen der bedeutendsten deutschen Romanisten und Kenner der lateinamerikanischen Literatur. Hans-Otto Dill war national wie international anerkannt als Literaturwissenschaftler, Herausgeber, Übersetzer und Intellektueller, dessen wissenschaftliches Werk weit über akademische Fachkreise hinausstrahlte. Er veröffentlichte zahlreiche Monografien, wissenschaftliche Sammelbände und Hunderte Arbeiten zu Literatur, Kultur und Sprache Lateinamerikas. Sein Wirken verband philologische Präzision mit einem tiefen Interesse an den gesellschaftlichen und historischen Prozessen Lateinamerikas.
Besonders hervorzuheben ist sein Einsatz für den wissenschaftlichen Austausch zwischen Ost und West noch vor dem Ende der deutschen Teilung. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen initiierte er 1988 ein außergewöhnliches gesamtdeutsches Forschungsprojekt zur „Wirklichkeitsaneignung im hispanoamerikanischen Roman im 19. und 20. Jahrhundert“. Dieses vom Ministerium für Hoch- und Fachschulwesen der DDR und dem Kulturministerium Niedersachsens geförderte Vorhaben war das einzige gesamtdeutsche Forschungsprojekt auf diesem Fachgebiet vor dem Mauerfall – ein bemerkenswertes Zeichen wissenschaftlicher Offenheit und intellektueller Brückenbildung in einer Zeit politischer Trennung.
Hans-Otto Dill blieb dem Lateinamerika-Forum Berlin auch nach seiner Zeit im Präsidium eng verbunden. Viele Mitglieder erinnern sich an seine Vorträge, seine analytische Schärfe und seine Leidenschaft für die Literatur und Ideengeschichte Lateinamerikas. Noch 2019 sprach er in einer gemeinsamem Veranstaltung des Lateinamerika-Forums mit dem Ibero-Amerikanischen Institut Preußischer Kulturbesitz über Juan Rulfos „El Gallo de Oro“ und setzte sich kritisch mit den Spannungen „zwischen schwarzer Legende und Heiligenschein“ auseinander. Bereits 2015 hatte er im LAF Berlin einen Vortrag zu Alexander von Humboldt gehalten – einem Denker, mit dessen Werk er sich in seinen späteren Jahren intensiv beschäftigte.
Sein wissenschaftlicher Weg führte ihn von der Humboldt-Universität zu Berlin über Gastprofessuren in Brasilien und Argentinien bis hin zu zahlreichen internationalen Universitäten und Akademien in Europa und Lateinamerika. Für seine Arbeiten erhielt er viele Auszeichnungen, darunter Ehrungen aus Kuba, Venezuela, Mexiko und Peru. Besonders bemerkenswert war, dass er 1975 als erster nicht spanischsprachiger Autor den renommierten Literaturpreis der Casa de las Américas erhielt.
Mit Hans-Otto Dill verliert die deutsch-lateinamerikanische Kultur- und Wissenschaftslandschaft eine prägende Stimme. Sein Werk bleibt – ebenso wie seine Offenheit, seine intellektuelle Neugier und sein Engagement für den kulturellen Dialog zwischen Lateinamerika und Europa.
Das Lateinamerika Forum Berlin trauert gemeinsam mit Gerta Stecher, seinen Freundinnen und Freunden, Kolleginnen und Kollegen sowie allen, die ihn kannten und schätzten. Wir werden Hans-Otto Dill ein ehrendes Andenken bewahren.
