Ein Bericht zum LAF-Conversatorio
Dass die politischen Führungen tatsächlicher oder vorgeblicher Großmächte die Annexion von Territorien anderer Staaten reklamieren bzw. aktiv betreiben, ist in den letzten Jahren fast schon zum Standardrepertoire internationaler Politik geworden. Zu diesem Rückfall in Praktiken des historischen Imperialismus zählt auch die Forderung nach einem regime change sowie die gegebenenfalls gewaltsam herbeigeführte Beseitigung „missliebiger“ Regierungen. Der „Fall Kuba“ zieht indessen besondere Aufmerksamkeit auf sich, gilt der Karibikstaat doch vor allem in Lateinamerika, aber auch darüber hinaus als Symbol für die Behauptung einer eigenständigen gesellschaftspolitischen Entwicklung außerhalb der Kontrolle des übermächtigen Nachbarn USA. Dies zeigte sich auch im Vorfeld des vom LAF am 20. April 2026 organisierten Conversatorio „Kuba in der Krise: Reformen oder Protektorat?“: Die Veranstaltung stieß auf großes Interesse und verzeichnete ein hohes Anmeldeaufkommen.
Aufgrund der hohen Teilnehmendenzahl entwickelte sich die Veranstaltung stärker in Richtung eines Vortragsformats mit anschließender Diskussion. Nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden des LAF, Luiz Ramalho, und einer kurzen Einführung durch die Moderatorin Annekathrin Linck präsentierte der renommierte Kuba-Experte Prof. Dr. Bert Hoffmann vom German Institute for Global and Area Studies (GIGA) seine Analyse der aktuellen Situation auf der Insel, der dahinterstehenden ökonomischen und politischen Strukturen sowie schließlich der Bedingungen zur Überwindung der Krise, die durch die aggressive Politik des US-Administration gezielt herbeigeführt wurde. Dabei flocht er immer wieder Beobachtungen und Erlebnisse ein, die er während seines Aufenthalts auf der Insel im Februar 2026 gewonnen hatte.
An erster Stelle zu nennen ist die dramatische Verschlechterung der Lebensbedingungen. Aufgrund des von der US-Regierung verhängten Ölembargos sind die Energieerzeugung sowie das Transportwesen praktisch lahmgelegt. Dies führt über verschiedene Rückkopplungseffekte zur weitgehenden Blockade der Versorgung der Bevölkerung mit Strom, Trinkwasser, Nahrungsmitteln und sonstigen Gütern des täglichen Bedarfs. Die kubanische Gesellschaft scheint unausweichlich auf eine humanitäre Katastrophe zuzusteuern, sollte das Land weiterhin nur minimale Mengen an Treibstoff erhalten. Schon in den Jahren seit der COVID-Pandemie hat sich die Kindersterblichkeit verdoppelt und die jetzige Verschärfung der Versorgungssituation wird solche schmerzhaften Entwicklungen weiter beschleunigen.
Die Menschen auf der Insel reagieren auf die Krise mit einer Mischung aus tiefer Verzweiflung und ohnmächtiger Wut. Sie sehen sich als Opfer eines Machtspiels „von denen da oben“. Vielfach ist offene Kritik an der eigenen Regierung zu hören, der viel zu zögerliches Handeln bzw. unzulängliche Entscheidungen vorgeworfen werden. Der allgemeine Tenor lautet: So kann es nicht weitergehen! Zugleich tritt die Spaltung der Bevölkerung deutlicher denn je hervor: Wer Zugang zu US-Dollars hat – meist über Zuwendungen von Verwandten aus dem Ausland – kann auch in dieser Krise relativ kommod leben. Der Prozess der Segmentierung der ehemals relativ egalitären Gesellschaft setzte zu Beginn der 90er Jahre ein, hat mittlerweile jedoch dazu geführt, dass die „Neureichen“ nicht mehr nur eine Randerscheinung sind.
Vor dem Hintergrund der nun schon seit drei Dekaden anhaltenden prekären Lage der kubanischen Ökonomie stellt sich die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass die politische Führung des Landes quasi blindlings in die Erpressungsfalle der Trump-Administration geraten ist. Der Schock des Wegfalls der Subventionen der ehemaligen UdSSR bzw. des RGW hat zu Beginn der 90er Jahre einen gewissen Reformprozess angestoßen. Die damals ergriffenen Maßnahmen waren jedoch in sich widersprüchlich und blieben insgesamt unzureichend. Paradoxerweise reduzierte die Öffnung der Insel für den internationalen Tourismus den Druck, strukturelle Veränderungen anzugehen. Ein Großteil der verfügbaren Investitionen ging in diesen Sektor, wobei offenbar nicht bedacht wurde, dass die Tourismusbranche in hohem Maße volatil ist, was sich mit Beginn der Corona-Pandemie drastisch bestätigte. Dennoch konnte der status quo zunächst weitergeführt werden dank des devisenfreien Bezugs von Energieträgern aus Venezuela – letztlich eine Art Droge, aus der es nun ein jähes Erwachen gibt.
Abschließend wurde – unter reger Beteiligung des Publikums – der Versuch unternommen, Perspektiven aus der Krise aufzuzeigen. Es kann vermutet werden, dass der Trump-Regierung ein „Erfolg“ ihrer Interventionspolitik wie im Fall Venezuelas vorschwebt. Angesichts der schon verzweifelt zu nennenden Lage gibt es in der politischen Führung der Insel offenbar Kräfte, die zu pragmatischen Zugeständnissen bereit sind. Die Freilassung von rund 2.000 Häftlingen Anfang April sowie die Ankündigung, Investitionen von Exil-Kubanern zuzulassen, sind als Signale der Verhandlungsbereitschaft zu verstehen. Weitgehende, strukturelle Veränderungen des wirtschaftlichen und politischen Systems dürften indessen davon abhängen, dass die Verantwortlichen in Partei, Staat und Militär verlässliche Zusagen bezüglich ihrer ökonomischen Interessen und ihrer persönlichen Sicherheit erhalten. Genau dieser Punkt lässt jedoch einen deal à la Venezuela wenig wahrscheinlich erscheinen. Das notorisch sprunghafte Agieren des amtierenden Präsidenten der USA ist ein Grund dafür, entscheidend ist aber die Einstellung der in den USA lebenden Exilkubaner, die traditionell erheblichen Einfluss auf die Kuba-Politik ihrer neuen Heimat haben: Einer deutlichen Mehrheit von ihnen geht es an erster Stelle um die Linderung ihres Phantomschmerzes, den die mit Inbrunst gepflegte Erinnerung an das vermeintliche Paradies ihrer familiären Vergangenheit verursacht. Ihr Ziel ist daher nicht mehr und nicht weniger als die im Wortsinn radikale Beseitigung des Symbols, das die kubanische Revolution immer noch darstellt.
Reiner Radermacher – Mitglied des LAF Berlin e.V.
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